Ein #DMWKaffee mit Steffi Feldmann über Digitales, Diversity und Dating

In der Reihe #DMWKaffee mit … gehen Autorinnen dieses Blogs mit spannenden Frauen aus der Digitalbranche einen Kaffee trinken. Für diese Folge hat sich Christiane Brandes-Visbeck aus dem Hamburger Quartier mit Steffi Feldmann auf einen Kaffee verabredet. Steffi Feldmann ist Serial-Founder, Gleichberechtigungs-Guru und Münchner Powerfrau, die wir #DMW als Medienpartner beim Digitalfestival „Year of the Goat“ in Hamburg kennengelernt haben. Als Co-Veranstalterin hatte Steffi nur wenig Zeit, so dass sie ihren #DMWKaffee mit Christiane jetzt virtuell getrunken hat. 

Steffi, du bist 26 Jahre alt und zum vierten Mal Co-Gründerin bei einem Start-up. Was habt ihr bisher gegründet und wie konnte das so schnell passieren?

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Serious Serial-Founder Steffi Feldmann macht Spaß. (Foto: mazel)

Steffi Feldmann: Zusammen mit drei Freunden habe ich bereits während dem Studium das erste Startup gegründet: SixReasons, eine digitale Innovationsagentur. Aus SixReasons ist dann auch das zweite Startup entstanden, das inzwischen an einen DAX-Konzern und Global Fortune 50 Unternehmen verkauft wurde. Danach sind dann Year of the Goat (darüber haben wir ja schon mal gequatscht) und mazel entstanden! SixReasons ist inzwischen an einen neuen Geschäftsführer übergeben, der sich sein eigenes Team gerade aufbaut, da wir uns komplett auf YOTG und mazel konzentrieren wollen. Wie das so schnell passieren konnte? Hmm, gute Frage… Das kann ich dir pauschal jetzt gar nicht beantworten. Das wenigste davon war vor drei Jahren so geplant wie es jetzt ist. Es hat sich einfach so entwickelt. Und darüber bin ich auch sehr froh! Erstens kommt’s anders, zweitens als man denkt und drittens wird’s eh noch viel besser als erwartet.

Euer jüngstes Start-up heisst mazel (gesprochen „massel“). Es ist eine Dating App, die ganz anders funktioniert als Parship oder Tinder. Ihr nennt sie sogar Anti-Tinder. Wie seid ihr auf die Idee gekommen und wie funktioniert das mit dem Matching?

mazel-the-game-changer2Steffi: Die Idee dazu kam mir im Alltag. Freundinnen haben mir immer wieder von Tinder erzählt und ihren schrecklichen und lustigen Erlebnissen mit der App und bei den Dates. Sie haben immer betont, wie schrecklich oberflächlich das Prinzip doch ist… Und dann kam eins zum anderen – und wir vier (Simon, Eddie, Moe und ich) haben dazu einen Prototypen getestet. Wir haben vier Pärchen aus dem Freundeskreis gematcht, die sich vorher nicht kannten, und haben sie das Spielprinzip, das wir damals schon fast genauso im Kopf hatten wie jetzt, durchspielen lassen. Das heißt: Sie wussten nichts über die andere Person außer dem Geschlecht und die Altersgruppe. Dann haben wir den acht Personen vorgeschlagen, auf drei Apps, die es gratis gibt, einen Account zu erstellen und uns die Namen zu schicken. Hier haben wir Quizduell, eine Art Scrabble und Draw Something gewählt. Wir haben dann dem von uns gematchten Gegenüber am ersten Tag den Namen der anderen Person für Quizduell gesagt. Während des ganzen Tests haben wir die Kommunikation zwischen uns und den Testpersonen auf WhatsApp beschränkt.

Dann haben also alle vier Paare am ersten Tag gemeinsam Quizduell gespielt – manche ausgiebiger, manche nur einmal. Am Abend des ersten Tages haben wir ihnen die erste Information über ihr Gegenüber verraten: den Beruf. So ging das drei Tage lang weiter. Manche haben auch noch öfter bestimmte Speile miteinander gespielt. Am Ende haben wir allen Testpersonen ein Bild der anderen Testperson via WhatsApp geschickt. Wenn es beide wollten, haben wir für sie die Handynummern ausgetauscht und sie konnten miteinander chatten. Das kam wahnsinnig gut an! Zwei der Pärchen haben sich sogar mehrfach getroffen danach.

Frauen anfangs mit Gerard Butler gematcht

Mazel befindet sich gerade in der Alpha Version und Anfang November geht’s dann in die geschlossene Beta Version der App! Dafür kann man sich übrigens auf unserer Seite anmelden, da es nur über Einladungen laufen wird und noch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Im ersten Click Dummy, den wir Leuten zum Testen gegeben haben, wurden Frauen mit Gerard Butler gematcht – das kam extrem gut an! Ich hoffe, unsere Userinnen werden nicht enttäuscht sein, wenn wir anfangs noch keinen Gerard Butler als User haben werden… 😉

Hehe. Und wie seid ihr auf den Namen mazel gekommen?

Steffi: Ich muss zugeben, dass ich ein ziemlicher Freak bin, was Kulturen und Sprache angeht. Deswegen habe ich ja auch Interkulturelle Kommunikation studiert… Und als wir auf Namenssuche waren, hab ich mich etwas in die Kuppler- und Datinggepflogenheiten in anderen Kulturen eingelesen. Da bin auf das Judentum gestoßen: mazel tov! Was mir an jiddischen Wörtern besonders gefällt, ist, dass sie international sehr wohl bekannt sind, aber leider etwas zu gering geschätzt. Übersetzt heisst „mazel“ so viel wie „Glück“!

Glück habt ihr auf jeden Fall schon jetzt. Mit mazel seid ihr zu eurer großen Überraschung Anfang November zu Europas heissester Tech-Konferenz, der Web Summit in Dublin, eingeladen. Was erwartet euch dort?

Steffi: Für die Web Summit haben wir uns – naiv wie wir sind – einfach mal beworben. Und wurden tatsächlich genommen als eines der Startup Alpha Teams! Das bedeutet, dass wir dieses Jahr an einem der drei Tage einen winzigen Stand dort haben werden, an dem wir mazel vorstellen dürfen. Die restlichen zwei Tage werden wir als Besucher auf der Websummit unterwegs sein und uns von tollen Speeches und Menschen inspirieren lassen. Wir hoffen, dort noch weitere tolle Beta-Tester zu bekommen – vor allem weibliche Entrepreneure. Und wir werden einige Termine mit potenziellen Investoren vereinbaren. Außerdem sind da ganz viele spannende Presse- und Medienleute vor Ort, die hoffentlich den einen oder anderen Satz über uns berichten werden. Wir werden dort die Closed Beta für alle, die sich bei mazel eingetragen haben, zur Verfügung stellen. Das wird spannend! Ach, wir freuen uns schon so! Nach Dublin sind Moe und ich noch in London auf der NOAH Konferenz. Mensch, das werden spannende Wochen bis zum Ende des Jahres!

Euer junges Digitalfestival „Year of the Goat“ (YOTG) bringt ihr zum 19. November nach Frankfurt-Offenbach, wo die #DMW auch wieder Medienpartner sein werden. Im Februar 2016 beginnt das „Year of the Monkey“ (YOTM), das ihr im Frühjahr in München feiern werdet. Wie wird sich das neue Konzept von YOTG unterscheiden?

Ein einladender Eingang? Wie auch immer, es führte kein Weg dran vorbei.

Willkommen bei Year of the Goat in Hamburg (Foto: Julia Kottkamp)

Steffi: Wir stellen bei unseren Konferenzen immer die Charakteristika der jeweiligen Tierkreise in den Mittelpunkt. Bei „Year of the Monkey“ heißt das dann für uns: Neugier wecken und ganz viel Technologie zum Ausprobieren bereitstellen! Der Affe ist wissbegierig, neugierig und verspielt. In Hamburg hatten wir ja zwei echte Ziegen da. Bei YOTM wird es noch etwas schwieriger, den Namenspatron zu organisieren… Wenn jemand weiß, woher man einen Affen bekommt, Tipps gerne an mich!

Ansonsten wird das grundsätzliche Format des Festivals größtenteils konstant sein: Inspirierende Reden, interaktive Workshops, ein Gefühl von Intimität – und bloß keine Anonymität und Berührungsängste. Aber ich kann schon mal verraten, dass sich technologisch noch einiges weiterentwickeln wird! Wir haben was ganz Großes geplant – mehr kann ich aber noch nicht verraten 😉 Lasst euch überraschen!

Du setzt dich in Interviews recht prominent als Advokatin für mehr Gleichberechtigung ein. Mehr Sichtbarkeit für Frauen ist ja auch das Thema der #DMW. Was treibt dich hier an? Gibt es persönliche Erfahrungen oder Beobachtungen?

Steffi: Was mich antreibt ist das Prinzip. Es kann nicht sein, dass wir 2015 immer noch subtil oder offensichtlich zwischen Männern und Frauen und deren Leistung unterscheiden. Für mich hat weder Geschlecht, noch sexuelle Orientierung, noch der „richtige“ oder „falsche“ Nachname etwas damit zu tun, wie man die Leistung und die Arbeit von Menschen beurteilt. Persönliche Erfahrungen haben wir alle mit Sicherheit schon zuhauf gemacht… Es sind oft die kleinen Sachen, die mir immer wieder zeigen, dass wir nach wie vor weit davon entfernt sind, über Geschlechterrollen und Vorurteile hinwegzusehen – sie sogar auszublenden. Ich finde es toll, dass ich nun schon ein paar Mal die Gelegenheit hatte, hierzu meine Meinung kundzugeben. Und diese Chancen möchte ich auch genau dafür nutzen!

Männer machen Schwanzvergleich. FRauen sollen Jammern

Andererseits finde ich es ernüchternd, dass das Thema „Gleichberechtigung“ überhaupt noch ein Thema ist. Das sagt schon alles, finde ich. Gleichberechtigung ist für mich so natürlich und logisch, dass ich es anfangs sehr komisch fand, überhaupt darüber sprechen zu müssen. Auf Konferenzen ist die Quote der weiblichen Speaker nach wie vor weit von einer Gleichberechtigung entfernt. Da ich aber selbst Konferenzen veranstalte, weiß ich, wie schwer es ist, gute weibliche Speaker zu finden. Viele trauen sich nicht, und die wenigen, die es gibt, verlangen oft horrende Honorare, die wir uns als Start-up einfach nicht leisten können.

Wenn das hier jemand liest, der gerne eine Bühne hätte, um über das Thema „Transformation“ zu reden, schreibt mir eine E-Mail! Wir sind immer auf der Suche nach tollen Menschen, die ihre Geschichte erzählen und andere damit inspirieren wollen.

In deinem Rückblick auf das Münchner Mega-Event Bits & Pretzels auf dem Blog startupbavaria.de ging es um Bits & Pretzels und die Frauen. Dein provokanter Titel: „Die Männer machen Schwanzvergleich, die Frauen sollen jammern!“ Gibt es Rückmeldungen dazu?

Steffi: Öffentlich habe ich nur positive Rückmeldung erhalten und zustimmende Tweets und Mails. Aber ich weiß auch, dass Wortwahl und Sprache in diesem Artikel leicht irritieren oder provozieren. Ich stehe trotzdem zu meiner Meinung und zu meinen Beobachtungen vor Ort. Ich möchte aber auch betonen, dass es sich um rein subjektive Beobachtungen meinerseits handelt und diese vielleicht nicht repräsentativ für die Messekultur in Deutschland sein mögen.

In einer Passage schreibst du:

Ich finde, es sollte keine extra Female-Founders-Panel geben auf solchen Konferenzen – die Bits & Pretzels ist da sicherlich keine Ausnahme. Mag sein, dass das manche anders sehen. Meiner Erfahrung nach finden gerade Frauen ab 35 oder 40 es häufiger noch gut, dass Frauen eine Bühne für sich haben. Im Gegensatz zu ausgegrenzt oder ignoriert werden, ist das natürlich schon besser. Aber gerade Gründerinnen in meinem Alter finden diese Sonderbehandlung nicht mehr richtig.

Diese Aussage hat bei einigen #DMW, die älter als 35 Jahre alt sind, zu Unverständnis geführt. Denn bei uns wollen alle #DMW auf den Hauptbühnen sichtbar sein! Wie ist es zu deiner Wahrnehmung gekommen?

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Auf der Bits & Pretzels in München (Foto: Steffi Feldmann)

Steffi: Toll, dass du betonst, dass es eine Wahrnehmung ist, die ich da geschildert habe. Ich saß im „Female Founders“ Track. Danach wollte ich gerne noch mit einigen der Frauen dort sprechen und habe mich nach vorn ins Zuhörer-Rudel gestellt. Ich beobachte sehr gerne Menschen und deren Verhalten. Dabei ist mir klar geworden, dass es wohl einen Unterschied zwischen meiner und anderen Generationen gibt. Weibliche Besucher in meinem Alter haben sich zwar gefreut, diese tollen Vorträge von tollen Frauen zu hören, waren aber meiner Meinung, dass die Abgrenzung in ein separates Panel total deplatziert ist. Ältere Frauen, die im Publikum waren, haben den Damen der HypoVereinsbank applaudiert. Dazu, was sie alles geschafft haben, und wie toll es ist, dass es sogar ein extra Panel für weibliche Gründerinnen gibt. Und genau auf diesem Erlebnis beruhen meine Beobachtungen bei Bits & Pretzels.

Falls ich mit meinen Aussagen zu sehr verallgemeinert haben sollte, tut mir das natürlich sehr leid. Revidieren werde ich trotzdem nichts, da es sich ja um meine eigene subjektive, kontextuelle Wahrnehmung einiger weniger Minuten handelt. 😉 Zudem freut es mich ja immens, wenn ich mich getäuscht haben sollte und das, was ich dort beobachtet habe, nicht repräsentativ ist!

Du bist in deinem Leben schon viel gereist, hast beispielsweise Aborigines in Australien unterrichtet und an einem multikulturellen Theater in London gearbeitet. Wie haben deine Erfahrungen in fernen Ländern mit fremden Kulturen dein Weltbild verändert? Gibt es Tipps, die du geben kannst im Umgang mit den Flüchtlingen, die wir jetzt deutschlandweit integrieren wollen und müssen?

Steffi: Ui, ja das ist natürlich ein sehr bewegendes und höchstbrisantes Thema. Ich bin in der Tat schon sehr viel gereist. Fremde Kulturen und Sprachen waren schon immer meine Passion. Aber, ob ich wirklich Tipps geben kann für den Umgang mit Flüchtlingen, weiß ich nicht. Alles, was ich sagen kann, ist, dass Offenheit, Toleranz und auch hier Gleichberechtigung die Grundlage sind für ein gesundes und friedliches Zusammenleben. Wir stehen in den nächsten 25 Jahren, wenn nicht noch länger, vor einer riesigen Herausforderung, die nicht damit beendet ist, dass die Schutzsuchenden mit Wasserflaschen und einem (Plastik-)Dach über dem Kopf ausgerüstet sind.

Als Gesellschaft müssen wir noch viel Lernen

Ich hoffe, dass wir alle über uns hinaus wachsen und Vorurteile überwinden können. Als Gesellschaft müssen wir alle noch viel lernen. Ich sehe in der Interkulturalität eine große Chance dafür und in keinster Weise einen Nachteil. Aber diese Chance kommt nicht ohne das Zutun eines jeden einzelnen. Diversity Management findet in vielen Konzernen schon eine Weile zumindest Anklang und Interesse. Auch als Gesellschaft sollten wir uns gegenseitig die nötigen Skills lehren und erlernen. Workshops dazu würden mit Sicherheit nicht schaden. 😉

Vielleicht euer nächstes Start-up Thema? Jetzt noch eine letzte Frage, die auch etwas mit Zukunft zu tun hat: Wenn du einen Wunsch frei hättest: Wo wärest du gern, wen würdest du gern treffen, und was würdest ihr dort machen?

Steffi: Ach, immer wenn ich das gefragt werde, ist meine Antwort: London. Ich liebe diese Stadt, und nirgends sonst fühle ich mich so zuhause.

Aber wenn ich jetzt wirklich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, bei einem guten Kaffee mit Sheryl Sandberg, Arianna Huffington und Jess Erickson, der Gründerin der Geekettes, zu quatschen. Diese Frauen faszinieren mich sehr. Aber, es war jetzt sehr schwer, mir jemanden auszusuchen. Es gibt so viele großartige Personen, mit denen ich gerne mal reden würde!

Steffi, ich bin mir ganz sicher, dass du alle drei Frauen sehr bald kennen lernen wirst. Vielen Dank für das ehrliche Gespräch. 

Steffi Feldmann auf Twitter: @SteffiFeldmann

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