What the Hell is innovation? Inspirationen vom VOCER Innovation Day

VOCER Innovation Day 2014

Journalismus im Wandel: Der VOCER Innovation Day zeigt, wie innovativ die deutsche Medienlandschaft sein kann.
(Foto: Caroline Zenker/VOCER)

Neuerung bzw. Erneuerung – das ist die lateinische Übersetzung des Wortes Innovation. Dass sich dahinter ganz unterschiedliche Ansätze, Ideen und Entwicklungen verbergen, hat der von der journalistischen Plattform VOCER veranstaltete Innovation Day 2014 in Hamburg eindrucksvoll bewiesen. In den heiligen Hallen des SPIEGEL zeigte sich bei der eintägigen Konferenz nicht nur die Vielfältigkeit an Projekten, sondern auch die Aufbruchstimmung, die die „Generation Innovationsfront“ antreibt. Aufschlussreich und motivierend sind dabei die zwei Worte, die keine Übersetzung brauchen, um den Tag am besten zu beschreiben.

INNOVATION IST KEIN BLÄHWORT, SIE BEDEUTET VERÄNDERUNG

Die Diskussion zum Thema Innovation ist gefühlt so alt wie das Internet selbst. Auch Stefan Plöchinger, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat sich vor einigen Monaten in einem Artikel Gedanken dazu gemacht –  er mag das Wort Innovation nicht. Ja, am liebsten würde er es auf den Index aller Redaktionen setzen lassen. Im gleichen Atemzug seines Schlachtrufs „Wie innovativ Journalismus sein muss“ nannte er damals aber genau das Detail, das für die Speaker der Eröffnungsrede beim VOCER Innovation Day (Stephan Weichert/VOCER und Katharina Borchert/Geschäftsführerin Spiegel Online) entscheidend ist für die Zukunft des Journalismus: ein sich verändernder Alltag. Die Zeiten sind nun mal anders und die alte Angst der Journalistenelite, bald von Robotern ersetzt zu werden, ist so weit entfernt vom alltäglichen Geschäft wie Stillstand. Die Digitalisierung zwingt die Medien dazu, umzudenken und Dinge neu anzugehen. Aber was genau bedeutet das?

Der Wandel ist auf jeden Fall greifbar. Nicht zuletzt dank des Programms, das unsere DMW-Mitgründerin und Geschäftsführerin des VOCER Innovation Medialab Carolin Neumann auf die Beine gestellt hat. Ein gutes Beispiel dafür: die Mischung aus Lighning Talks und aktiven Workshops. Offene Dialoge auf Augenhöhe statt starrem Vortrag. Auf der Bühne: Start-up-Pioniere und journalistische Größen. Vor der Bühne: ein junges, neugieriges Publikum und somit ein Querschnitt durch die Zielgruppe, die sich die Branche wünscht. Zumindest, wenn man den ersten drei Rednern Glauben schenkt, die sich über Skills und Kompetenzen künftiger Medienmacher Gedanken machen.

Anita Zielinas (Chefredakteurin Stern.de) porträtiert den Journalist der Zukunft als Kommunikator aus Leidenschaft und als Realist voller Offenheit und Neugierde an neuen Methoden. Die eierlegende Wollmilchsau ist dabei jedoch ein No-Go: „Niemand kann alles gleichzeitig können. Das erwarten wir auch nicht. Aber man sollte verstehen, wie Prozesse funktionieren.“ Eine faire Verteilung der Arbeiten nach Kompetenzen ist ihr in ihrem Team wichtig, um Raum für Kreativität zu schaffen. Denn auch der „alteingesessene“ Stern hat einen eigenen Innovationstag, bei dem zwar nicht das nächste Facebook geplant, aber viele feine, kleine Projekte umgesetzt werden, bei denen junge Kollegen ihre Ideen einbringen können.

HÖRT AUF EUER HERZ – TUT DINGE AUS LEIDENSCHAFT

Journalismus ist ein komplexes System – und genau das sollten junge Medienmacher laut Katharina Borchert kennenlernen. „Denkt immer an die ganzheitliche Betrachtung: Redaktion, Distribution, Kaufmännisches. Alles gehört zusammen. Stellt den User in den Mittelpunkt und geht raus und unterhaltet euch mit den Menschen.“ Dass sie damit nicht nur Barcamps und Konferenzen meint, sondern auch den täglichen Smalltalk mit Nachbarn und Freunden, zeigt, wie umfassend sie das Bild des Journalisten zeichnet. Er hat den Blick für Neues – und weiß es mit gelerntem Altem sinnvoll zu verbinden. Um langfristig am Ball zu bleiben, sollte man sich jedoch vor Innovationsdruck schützen („Work Life Balance ist eine ewige Baustelle“) und nicht zu streng mit sich und der eigenen Karriereplanung ins Gericht gehen.

Alexander von Streit

Erfolg dank Crowdfunding: Mit den Krautreportern hebt Alexander von Streit sich vom „alten“ Verlagsgeschäft ab. (Foto: Caroline Zenker/VOCER)

Fail Fast, Fail Often“ ist auch das Lieblingsmotto von Alexander von Streit, der mit seinem Herzens- und Crowdfunded-Projekt Krautreporter Journalismus völlig neu definiert. Über 17.000 künftige Leser haben online das Team aus Reportern supportet, um eine neue Form des Journalismus zu ermöglichen – abseits jeglicher Werbefinanzierung. Ein gefühlter Angriff auf die großen Dickschiffe, aber ein innovativer. War das einfach? Nein, sagt von Streit. „Man muss die Initiative ergreifen und Dinge anpacken, sonst ändern sich nie was. Vergesst Perfektion, denn Unperfektheit ist kein Makel!“ Offen gesteht er damit ein, dass selbst ein so erfolgreiches Projekt Kinderkrankheiten hat (zum Beispiel fehlerhafte Kommunikation), vor denen niemand die Beteiligten schützen kann. Die Angst vor dem Scheitern sitzt immer im Nacken. Aber auch er macht Mut: „Hört auf euer Herz! Tut Dinge aus Leidenschaft!“ Man möchte laut rufen: Ja, sofort! Ich will!

UND WIE VERDIENE ICH DAMIT JETZT GELD?

Tabea Grzeszyk

Kollaboratives Arbeiten: Tabea Grzeszyks Projekt „Hostwriter“ war einst nur eine Idee – seit Mai ist das globale Netzwerk online.
(Foto: Caroline Zenker/VOCER)

Würde ich jetzt schreiben „gar nicht“, würdet ihr alle sofort aufhören zu lesen, nicht wahr? Bei aller Leidenschaft ist das liebe Geld nämlich das, was am Ende jedes Projekt am Leben hält. Dank des Stipendiums des VOCER Innovation Medialab konnten Tabea Grzeszyk und ihre Kolleginnen ihren Traum von Hostwriter (ein internationales Onlineportal zur kollaborativen Recherche für Journalisten) Realität werden lassen. Im Mai 2014 gestartet, zählt die Seite schon jetzt über 500 Journalisten rund um den Globus. Ein toller Erfolg, der aber – so gesteht Grzeszyk ehrlich – nicht ohne eine gehörige Portion Selbstausbeutung überlebt hätte. Denn vor Stipendien, Investoren und dem Geld steht meist nur die Idee im Raum. In Kombination mit dem Willen, Zeit, Geld und Mut zu investieren, kann daraus etwas Großes werden. Dass dabei Privatleben und Luxus auf der Strecke bleiben, das nehmen die heutigen Pioniere in Kauf. Ein dickes +1 für das Durchhaltevermögen.

Die gute Nachricht: Es gibt Hilfe! Über 20.000 Stiftungen unterstützen in Deutschland gemeinnützige Zwecke, rund 100 davon konzentrieren sich auf journalistische Projekte. So zum Beispiel die Rudolf Augstein Stiftung, deren Arbeit Stephanie Reuter im Workshop „Money, Money, Money“ vorstellt. Sie weiß, dass Stipendien, Journalistenpreisen und Stiftungen viel Bürokratie bedeuten, aber, richtig gewählt, ein Projekt entscheidend nach vorne bringen können. Eine Rampensau oder digitaler Held muss man dafür nicht sein. An Bewerbern schätzt Reuter vor allem Glaubwürdigkeit und Relevanz. Ein Problem sei vielmehr, dass Journalismus nicht als gemeinnützig anerkannt wird und Themen wie Netzpolitik als Nische – sprich weniger förderungswürdig – gelten. Ihr Tipp: Versucht euer Glück bei der Bundeszentrale für politische Bildung, bei den Handelskammern und bei den Sparkassen. Ein weitere Tipp aus dem Publikum, der auch mir völlig neu ist: Lotto, die Teile ihrer Einnahmen für soziale und/oder gemeinnützige Projekte ausgeben müssen.

Eine andere Form der Finanzierung ist das Crowdfunding, über das Spender festgelegte Summen an ein Projekt übertragen und im Gegenzug ideelle oder Sachpreise bekommen. Das Letztere nicht immer der beste Weg sind, erklärt Marco Maas, der bei seinem Projekt OpenDataCity fast 50 Prozent der gespendeten Summe für die Handlingfee ausgeben musste. Es war für ihn kein Fehler, aber ein Learning. Und er hat weitere gemacht: „Niemand spendet Geld nur für eine reine Idee. Daher: Entwickelt Dinge vorzeigbar. Nicht perfekt, aber so, dass jemand, der es sieht, sofort investieren will.“ Bei der Wahl der Crowdfundingplattform sollte man die Zielgruppe klar im Blick haben und Multiplikatoren suchen, die genau dort im Netz unterwegs sind, wo die Zielgruppe ihre News und Infos bezieht. Das eigene soziale Netzwerk ist dabei ein elementarer Bestandteil der Kommunikationsstrategie. Das Fazit: Die Finanzierung ist wie ein Gemischtwahrenladen, bei dem sich jeder für sein Projekt die passenden Elemente zusammenstellen kann.

MUT BEWEISEN UND PROFIL ZEIGEN

Die Idee ist gut, das Geld auch. Jetzt heißt es, Gesicht zeigen und ab auf die digitale Bühne! Jannik Schäfer, Theresia Enzensberger und ihr Team haben es mit dem Block-Magazin geschafft. Aus dem Wunsch nach mehr Platz für gute Geschichten und Prosa, die in der aktuellen Schnelliglebigkeit und Reichweitenabhängigkeit von Onlinepublikationen oft untergehen, erschuf sieein Magazin, das erst dann gedruckt wird, wenn sich über die Website genügend Unterstützer finden lassen. Die Innovation: ein Printprodukt abseits vom Kiosk sowie eine Selfmade-Marketingstrategie. Dafür reiste das vierköpfige Team von Veranstaltungen zu Messen, von Fachtagungen zu Events. Das Ergebnis erscheint jetzt als erste Ausgabe. Und es zeigt: Hinter jedem Projekt steckt eine Person, die die Idee zum Leben erweckt und für sie einsteht.

Kixka Nebraska

Journalisten als Marke: Kixka Nebraska liefert im Workshop Tipps für die eigene Profilbildung im Internet.
(Foto: Caroline Zenker/VOCER)

Genau das hat DMW-Mitgründerin Kixka Nebraska zu ihrer Leidenschaft und zu ihrem Beruf gemacht. Das menschliche Profil – und seine zahlreichen Seiten im Internet. Die Profilagentin berät Journalisten und gab im Workshop „Profilbildung: XY? Kenn ich!?“ nützliches Wissen aus ihren Coachings weiter. Die wichtigste Grundlage ist die Entscheidung: Name oder Marke? Sprich: Nutze ich die bestehende Bekanntheit meines Namens oder trete ich als Pseudonym auf Facebook, Twitter und Co. auf und schaffe somit eine eigene Marke? Ebenso wichtig sind ein gut erkennbares Profilbild, das auf allen Portalen genutzt wird (Stichwort Wiedererkennungswert), ein Impressum (ja, auch bei Facebookprofilen, solange diese für die Bewerbung des eigenen Angebots genutzt werden) sowie die Aktualität der Daten (vor allem bei Xing, um jederzeit für Kunden und Auftraggeber erreichbar zu sein). Die Vergabe von aussagekräftigen Keywords und eine interessante Bio (die gerne auch einen charmante Funken Privates preisgeben darf) können die eigene Darstellung optimieren. Nebem dem Profil sind aber auch Identität und Reputation wichtig: Wem folge ich? Wer folgt mir? Wie verhalte ich mich in Diskussionen? Wie positioniere ich meine Meinung?

Ein wichtiges Learning: Bisher galt Google Authorship als ein Baustein, um eigene Artikel im Netz besser sichtbar zu machen und das eigene Profil im Google Imperium auszubauen. Die Vorschaubildchen werden jedoch abgeschafft (grmpf). Aber jetzt den Kopf nicht hängen lassen, sondern ihn lieber lächelnd auf einem der folgenden kostenlosen Portale präsentieren: Torial, Kress, Freischreiber oder About.me. Ein weiterer, lustigerweise haptischer Tipp von Kixka: Visitenkarten von Moo – nicht teuer, aber im Gespräch mit Investoren, Interessenten und Auftraggebern noch immer der kommunikative Türöffner schlechthin.

IN THE END – WHAT THE HELL IS INNOVATION

Innovation ist toll, Innovation heißt aktiv sein, Dinge anders angehen. Aber brauchen wir das wirklich? Genau die Frage stellte sich auch die Abschlussrunde, in der Carolin Neumann, Stephan Weichert, Frederik Fischer (Tame), Ulrich Machold (ideAS/Axel Springer) und Janko Tietz (Spiegel/ Spiegel Online) angeregt über die Zukunft des Journalimus philosophierten. Ein Streitpunkt dabei: Muss der Journalist sich mehr auf seine Grundfeste besinnen und wieder mehr Geschichten erzählen, Missstände aufdecken und hartnäckig bleiben? Oder ist auch eine inhaltliche gute Geschichte ohne eine sinnvolle Marketingstrategie im Social Web dem Untergang geweiht (Stichwort Audience Engagement)? Ulrich Machold sieht dabei den entscheidenden Faktor im Absender von Informationen und Stories: „Die heutige Ich-Bezogenheit im Social Web verhilft vielen Themen zu einer großen Reichweiten – im Gegensatz zu anonymen Markenschiffen, die nur Inhalte verbreiten.“

Dass die „jungen Wilden“ davon ebenso profitieren können wie die Verlage, liegt laut Janko Tietz an den neuen Formen der Zusammenarbeit, die die Digitalisierung ermöglicht: „Der kollaborative Gedanke von Freien, die immer wieder in unterschiedlichen Teams Projekte auf die Beine stellen, muss auf unsere Verlage übertragen werden. Nur so können Kreativität und Innovation entstehen.“ Etwas härter geht Frederik Fischer mit der Branche ins Gericht: „Das alte Massenmedium Deutschland ist kaputt. Du musst den Leuten heute über unterschiedliche Kanäle einen Mehrwert bieten. Erkennen sie ihn, ist der Weg für Neues frei.“ Am Ende ist es doch das Thema Geld, das entscheidet, wie gut sich eine Idee verkauft – da sind sich alle einig. Eine moralische Instanz sollte laut Carolin Neumann aber dennoch im Hinterkopf bleiben: „Journalismus funktioniert über Ideale, über Werte, über Leidenschaft. Gedanken an tragfähige Geschäftsmodelle  und Venture Capital haben für viele Jungjournalisten eine nachgeordnete Rolle. Trotzdem dürfen Ausbeutung und Erfolg nicht glorifiziert werden.“

Und was ist am Ende nun innovativ? Wie sieht der Journalismus der Zukunft aus? Die Antwort bleibt vielfältig:

  • In Deutschland fehlen zwar noch die großen Erfolgscases wie im Silicon Valley. Aber: Die Gründungsberatung hilft, die eigene Idee Realität werden zu lassen – auch wenn man ihr wie bei Tame.it nach wenigen Monaten einen neuen Kurs verpassen muss. (Fischer)
  • Das Wissen über Digitalprodukte ist elementar, um künftig im Bereich Journalismus mitzuspielen. (Machold)
  • Die Perspektive bestimmt, was Innovation ist. Es kann die Technik sein, aber auch eine neue Form der Umsetzung. (Neumann)
  • Nachhaltigkeit ist das Ziel. Aber die Wahrung der Grundwerte von Journalisten ist eine wichtige Voraussetzung. (Tietz)

Rudolf Augstein hätte seine Freunde gehabt bei so viel Diskurs rund um Journalismus – und die hatte ich auch. Denn neben alle den inspirierenden Projekten, die vorgestellt wurden, sind es vor allem die Eindrücke von den Pionieren, die vom Siegen und Scheitern erzählen und die der Innovation ein Gesicht geben. Vielen Dank, VOCER und Caro, für die tollen Lightning Talks, die praxisnahen Workshops, das tolle Essen (die SPIEGEL-Kantine hat nicht umsonst ihren köstlichen Ruf), die Sponsoren, die den Tag ermöglicht haben und vor allem: Danke für die vielen gedanklichen Dominosteine, die Ideen ins Rollen bringen werden…

LESETIPPS: DER VOCER INNOVATION DAY IM RÜCKBLICK

>> Journalist 2.0 – Definitions-Versuche beim Vocer Innovation Day (LousyPennies)
>> Video-Interviews, Bilder und Stimmen – das #VID14-Dossier (VOCER)
>> Der #VID14 im Twitter-Check (Tame.it)

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1 Antwort zu "What the Hell is innovation? Inspirationen vom VOCER Innovation Day"

  1. Robert Hirse sagt:

    Sauberer Bericht – deckt sich komplett mit meinen Eindrücken: Infomativ, innovativ und inspirierend.

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