Das war das Videocamp 2014

Von Christiane Brandes-Visbeck und Sandra Schink

Am letzten Märzwochenende fand das Videocamp in Düsseldorf statt – das Barcamp der Webbewegtbildszene. Die Sessions reichen von technischen Grundlagen rund um die Bedienung von Kameras, Tontechnik und Schnittprogrammen über Diskussionsrunden rund um Inhalte, Bildsprache, Formate und Storytelling bis zu Interviews und Austausch mit erfolgreichen Youtubern zu ihrem Werdegang und ihren kleinen Tricks, wie man Interaktion mit den Fans pflegt und sie steigert.

Videocamper

Die Drei vom Videocamp (Foto: Sandra Schink)

Das im November 2009 von Markus Hündgen (@videopunk) und Stefan Evertz (@hirnrinde) aus der Taufe gehobene und seither halbjährlich – im Wechsel mit Berlin – stattfindende Barcamp für Webvideo-Schöpfer ging nun bereits zum zehnten Mal über die Bühne. Inzwischen findet es unter dem Dach der European Web Video Academy statt, die 2012 gemeinsam mit Dimitrios Argirakos (@Argirakos) gegründet wurde und auch Ausrichterin des Web Video Preises ist. 160 Teilnehmer tauschten sich zwei Tage lang in den Cubic Studios in Düsseldorf-Bilk aus.

Unter dem Hashtag #Videocamp sind bei Twitter, Facebook und Instagram einige Impressionen zu finden. Digital Media Women Christiane Brandes-Visbeck (cbv) und Sandra Schink (sha) lassen einige Sessions revue passieren:

 

Google Glass & Nokia Lumia 1020

Sascha Pallenberg: Google Glass und Lumia

Sascha Pallenberg (Foto: Sandra Schink)

mit Sascha Pallenberg (@Sascha_P)

Die Session von Mobil-Geek Sascha Pallenberg war voll besetzt mit Gadget-Junkies. Kein Wunder, denn Sascha, frisch eingeflogen aus Taiwan, hatte seine Google Glasses und sein Nokia Lumia 1020 dabei, zwei überaus videotaugliche Gadgets, jedes mit seinen Stärken.
Das Lumia 1020 ist ein leistungsstarkes Aufnahmegerät – mit Smartphone-Funktionen. Leider habe ich aber nicht mehr mitbekommen, weil ich mich zum Dienst am Einlass gemeldet hatte und die Session verlassen musste.

Das unter Datenschützern umstrittene Google Glass hat mich Sascha dann am zweiten Camp-Tag ausprobieren lassen, und ich war überrascht. Bisher hatte ich das schlecht designte Digital-Accessoire für einen Hype gehalten. Nach dem Test kann ich mir allerdings durchaus vorstellen, dass es mit ein paar optischen Korrekturen in nicht allzu ferner Zeit Einzug in unseren Alltag halten könnte. Integriert im Brillenglas würde es nicht mal stören: Um den Monitor abzulesen, schaut man nach oben, und durch das optische Prisma wird das Dargestellte auch klar und scharf ablesbar. Wer die Brille nicht sprachsteuern möchte, bedient sie durch den „Touch-Bügel“ oder auch durch Kopfbewegungen.

Wenn sie Fotos oder Videos aufnimmt, sieht auch das Gegenüber den kleinen Monitor leuchten: Es ist augenscheinlich nicht möglich, die Aufnahmefunktionen zu nutzen, ohne dass andere das mitbekommen. In der Session zeigte Sascha Videos, die er mit dem Google Glass aufgezeichnet hat, und auch hier überraschte der Game-Play-Effekt: Das Video wirkte erstaunlich stabil und auch schnellere Kopfbewegungen wirkten sich nicht störend aus.

Im April soll das Google Gadget nun nach ausgedehnten Tests endlich offiziell auf den Markt kommen. Ob und wann es je auf dem europäischen Markt ankommen wird, ist aufgrund der Datenschutzbestimmungen noch fraglich.

Fazit: Wenn Sascha aus Taiwan einfliegt, sind alle, die digitales Spielzeug lieben glücklich. (sha)

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Foto- und Filmtechnik

Fotograf Andreas Schiko

Andreas Schiko (Foto: Sandra Schink)

mit Andreas Schiko

Wer die Vorteile und Eigenheiten einer digitalen Spiegelreflexkamera als Videokamera nutzen möchte, für den ist fotografisches Basiswissen essentiell. Die Einführung der Canon 5D Mark II hat 2008 den Videomarkt revolutioniert: Durch die Nutzung der Kamera-Objektive waren auf einmal Unschärfe- und Weitwinkel-Effekte möglich, die mit den herkömmlichen Profi-Filmkameras vorher nur für wenige erschwinglich waren.

Der Düsseldorfer Fotograf Andreas Schiko erklärte in seiner Session das Zusammenspiel von Belichtungszeiten, Blendenöffnungen und Empfindlichkeiten (ASA/ISO) und Unschärfe-Effekte abhängig von Brennweiten und Blendenöffnungen. Bemerkenswert: Andreas Schiko fotografiert selbst fast ausschließlich analog und auf Schwarzweiß-Filmen (Kodak T-MAX 400). Sein Portfolio reicht von Tobi und das Bo bis zu Guru von Jazzmatazz.

Fazit: A fool with a tool is just a fool. (sha)

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Brutto, Netto oder Ghetto – Videoproduktion
gewinnbringend kalkulieren

Videokalkulation mit Flo

Florian Wachter aus Hamburg (Foto: Sandra Schink)

mit Christian Dingler (@dingler_g4) und Flo aus Hamburg

Was kostet eigentlich ein Film? Auf dem Videocamp gab es gleich zwei Sessions, die sich dieser Frage näherten. Den Anfang machte Christian Dingler, der gerade die jüngeren Kollegen aufrief, nicht zu günstig zu produzieren. Doch was ist billig, was ist teuer? Es war offensichtlich, dass das Thema nach der Diskussion an Relevanz gewonnen hatte, aber viele Fragen unbeantwortet blieben. Florian Wachter aus Hamburg griff das Thema auf und präsentierte eine kleine Einführung in das Einmaleins des professionellen Kalkulierens. Wann ist brutto gleich netto? Bei Stiftungen und öffentlich-rechtlichen Auftraggebern. Wozu braucht der Kunde den Film? Rechte für die crossmediale Verwertung beachten. Wann zahlt der Kunde: vor, nach oder auch während der Filmproduktion? Das liegt am Aufwand des Projekts, dem Vertrauensverhältnis zum Auftraggeber und am Verhandlungsgeschick. Wann reden wir überhaupt über Preise? Möglichst erst, wenn das Projekt präzise skizziert worden ist. Wie hoch müssen und dürfen Gewinn und Handlingskosten (HU) sein? Und nicht zuletzt die spannenden Frage: Was sind ‚weiße Elefanten‘?

Fazit: Am Ende beider Sessions war klar: Eine vernünftige Kalkulation hat viele Posten – und nur, wer sein Projekt gründlich durchdenkt und vielleicht auch hier und da einen Profi zu Rate zieht, wird am Ende des Tages das Zahlen-Ghetto verlassen und einen Gewinn erzielen. (cbv)

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Vine – Spielkram oder Bewegtbild-Kultur mit Potential?

mit Claudia Heydolph (@cheydolph)

Zur Social Media Week 2014 hatte die Medienhistorikerin und Crossmedia-Expertin Claudia Heydolph mit Studierenden der Europäischen Medien- und Business-Akademie EMBA mit dem Twitter-Kurzfilmtool Vine experimentiert. Da das Sechs-Sekunden-Filmformat in Deutschland noch immer recht stiefmütterlich behandelt wird, wollte Claudia in ihrer Session ein paar Vine-Beispiele präsentieren, was leider an der schwachen WLAN-Verbindung in Studio 2 scheiterte. So blieb uns nur, uns über unsere Einschätzungen und Erfahrungen mit Vine auszutauschen. Die meisten hatten bereits mal mit Vine gespielt, den Medienschaffenden erscheint das Ultrakurzformat aber überwiegend zu kurz, um es als ernstzunehmendes Tool einzusetzen. Fazit: Auch bei sechs Sekunden kommt es auf den Inhalt an. (cbv)

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Ambitious TV – Castingshow mit Sinn und Verstand

Ambitious TV

Christiane Brandes-Visbeck (Foto: Sandra Schink)

mit Christiane Brandes-Visbeck (@ChristianeAhoi)

Digital Media Woman und Kommunikationsberaterin Christiane Brandes-Visbeck hat zur Diskussionsrunde zu ihrem ambitionierten Projekt Ambitious TV eingeladen. Eine sowohl illustre und kompetente, als auch altersmäßig gut durchmischte Gruppe fand sich dazu in Maske 1 zusammen und diskutierte lebhaft und engagiert zum Konzept des Karriereförderungsformats für Jugendliche, die sich beruflich orientieren wollen und für Firmen, die Nachwuchs suchen und fördern wollen.

Mich beeindruckte auch in dieser Session, wie Kommunikationsprofis aus allen Genres ihr Wissen, ihre offene, aber immer sachliche und lösungsorientierte Kritik und auch ihre hilfreichen Anregungen, Ideen und Gedankenspiele einbrachten ohne Berührungsängste oder Konkurrenzbissigkeit.

Fazit: Ambitious TV polarisiert als Idee, vielleicht auch, weil es so noch keiner gemacht hat und Castingformate bisher eher Unterhaltungs- als Bildungscharakter haben. Doch keiner der Diskussionsteilnehmer hat abgeraten und alle sind gespannt darauf, wie es weiter geht. (sha)

Beautiful War

Bendler Blogger Sascha Stoltenow

Sascha Stoltenow (Foto: Sandra Schink)

mit Sascha Stoltenow (@BendlerBlogger)

Beeindruckt und auch ein wenig erschüttert hat mich der Vortrag von Sascha Stoltenow, der als Soldat für die Truppe für Operative Kommunikation bis 2001 die ersten Einsatzkamera-Teams ausgerüstet und ausgebildet hat. In seiner heutigen Eigenschaft als PR- und Kommunkationsberater hat er in seinem Beitrag Werbefilme verschiedener Armeen miteinander verglichen, die zum Ziel haben sollen, neue Rekruten anzuwerben. Während die Amerikaner in üblicher lässiger Cowboy-Manier Coolness, Zusammenhalt, Heldentum und ‚Gadgets‘ in den Fokus rücken und dabei straight suggerieren: „Hier geht es lang“, eiert die Bundeswehr um ihre Daseinsberechtigung herum. In drei Werbetrailern um Bananen, Benzin und Handys versucht sie, junge Menschen zum Beitritt in die Marine zu motivieren. Und man fragt sich etwas ratlos: „Ich soll also für Bananen, Benzin und Handys mein Leben aufs Spiel setzen?“

Ein Corporate Video kann unbeabsichtigt das Selbstbild eines Unternehmens entlarven und das Außenbild zerstören.
Weitere Filmbeispiele von Sascha zeigten, dass authentische, von den Soldaten selbst gedrehte und geschnittene inoffizielle Videos eine erheblich überzeugendere Wirkung erzielen könnten.

Fazit: Allen Beteiligten muss klar sein, was ein Video bewirken soll. Authentizität und Realitätschecks helfen. (sha)

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stern.de-Interview

Youtuber Viktor Roth: iBlali

Thilo Mischke (stern.de) interviewt iBlali (Foto: Sandra Schink)

mit YouTuber Viktor Roth (@iBlali)
Er ist 22. Er hat 1,1 Millionen Fans. Und dabei ist er einfach total normal und sympathisch. Viktor Roth ist iBlali auf Youtube, und dort unterhält er seine überwiegend jugendlichen Fans mit ‚Sinnfreiheit, Sinnlosigkeit und Sinntoleranz.‘

Dabei muss man genau zuhören, denn er spricht schnell. Sehr schnell. Seine Fans lieben ihn für seine natürliche und humorvolle Art, und dass er seine Videos um ihre Kommentare strickt. Denn er reagiert nicht nur schriftlich auf Kommentare seiner Fans, er richtet sein Programm nach ihnen aus, gibt seine Meinung zu Themen wie Games, Schule und Menschen ab, und macht das auf die bei YouTube übliche Art: Schnelle Schnitte, schnelle Sprache, häusliche Kulisse und lustige Video-Effekte. Ich gehöre nicht zur Zielgruppe, deshalb muss ich den Hype nicht verstehen. Die mir bisher begegneten YouTuber sind allerdings weitaus vernünftiger und sympathischer, als die ‚Stars‘ meiner Jugend.

Fazit: Weitermachen, solange ihr auf der guten Seite der Macht steht und weiterhin so verantwortungsvoll mit eurem Publikum umgeht. (sha)

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Kika.de und die YouTuber

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Foto: Christiane Brandes-Visbeck

mit Sven Steinhoff (@milolumi) und Matthias Montag (@mmontag)

Ich war überrascht, wie viele Kollegen vom linearen Fernsehen am Videocamp teilgenommen haben. Unter anderem war die Leiterin des zukünftigen Jugendkanals von ARD und ZDF anwesend. Sven Steinhoff vom Kika hat mit Matthias Montag zwei Sessions für Kika angeboten. Ich war überrascht, mit welcher Offenheit und Besonnenheit sie in ihren sehr gut besuchten Veranstaltungen Überlegungen zu neuen, crossmedialen Formaten im digitalen Zeitalter diskutiert haben. Als öffentlich-rechtliches Angebot müssen sie hohe Auflagen zum Schutz ihrer kleinen Zuschauer und User erfüllen. „Wir haben einen Hochsicherheitstrakt, der nennt sich Community“, erklärte Sven augenzwinkernd. Doch weil eben alles so sicher und kindgerecht ist, vertrauen Eltern dem Kika als Marke. Was das für die Reichweite des Angebots bedeutet, wussten vor allem die anwesenden YouTuber zu schätzen. Es war spannend, @JimbooXXL, @thePHIO, @Cleopha und @61MinutenSex beim Diskutieren mit den Kika-Machern zu beobachten.

Und das ist vielleicht das, was mir am Videocamp am besten gefällt: Hier redet jeder mit jedem.

Fazit: Kommunikation ist alles. (cbv)

Kultevent Videocamp

Markus Hündgen

Kultmacher Markus Hündgen
(Foto: Christiane Brandes-Visbeck)

Es gab noch viele weitere Sessions, die wir hier nicht beschrieben haben. Interessant war vor allem, dass jeder das auf dem Videocamp gemacht hat, was er am Besten kann: YouTuber um CommanderKrieger veranstalten spontan ein Currywurst-Schärfewettessen, die Film- und Videoexperten bieten Sessions über Kameras, Licht und Ton an, Medienforscher diskutieren die Zukunft des Bewegtbilds und alle haben Spaß in der Düsseldorfer Altstadt.

Wir können jedem, der sich für Irgendwas-mit-Bewegtbild interessiert, empfehlen, sich für das nächste Videocamp anzumelden. Rechtzeitig! Denn die Videocamps von Videopunk Markus Hündgen sind Kult. Und schnell ausgebucht.

Und wir sehen uns bald wieder: Auf dem Webvideopreis 2014 am 24. Mai. Watch out for #wvp14!

Weitere Recaps zum Videocamp:

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2 Antworten zu "Das war das Videocamp 2014"

  1. […] Glück haben die Digital Media Women schon einen ausführliche Zusammenfassung zum Videocamp 2014 in Düsseldorf geschrieben. Mich hat nämlich eine inhaltliche Fragestellung viel mehr […]

  2. […] bei unserem Workshop auf dem Videocamp in Düsseldorf Ende März wurde klar: Es ist Zeit für einen Schritt zurück. Für die berühmte […]

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