Warum Hamburg das Betahaus braucht

Vor Kurzem wurde mir der Freitag verhagelt: Das Betahaus, der Co-Working-Place und Hebamme der ersten DMW-Events, hat Insolvenz angemeldet. Vorgestern haben wir dagegen gefeiert: bei der Betahaus-Party. Bei diesem kleinen Klassentreffen der Hamburger Kreativen gab es viele interessante Gespräche und ich will hier nochmal die Fahne hissen. Hamburg braucht das Betahaus! Wenn dieser Laden dichtmacht, ist das ein Meilenstein auf dem Weg abwärts für den Wirtschaftsstandort Hamburg. Gut gebrüllt, Löwe? Nein, so ist es. Wer keine Zeit hat, kann das Management Summary ganz unten lesen, alle anderen hören die ganze Geschichte direkt vom Lagerfeuer an der Lerchenstraße 28a.

Kollegen on demand

Sarah Pust hält ein Poster mit Schriftzug hoch.

Hamburg ohne Betahaus ist wie puste ohne blume. Geht also gar nicht, finde ich! (Foto: Betahaus hamburg/ Lena Schiller Clausen)

Wer schon mal in einer kleineren Stadt gewohnt hat, kennt das Phänomen. In Studentenstädten, wie beispielsweise in Bamberg, wo ich studiert habe, kannst du abends ausgehen, ganz allein in deinem Rhythmus und von Bar zu Bar ziehen, weil du weißt, spätestens im dritten Laden triffst du Leute, die du magst und kennst. Und wenn du keinen Bock mehr hast, gehst du wieder. Kein Gruppenzwang: nicht alle zusammen hin und wieder weg. Sondern ganz individuell.

Das Betahaus bietet dieses Umfeld im Arbeitskontext. Ich mag das Betahaus, weil es mein Hafen ist, wie die Dorfkneipe zum Feierabendbierchen, wie die Offline-Zentrale der Online-Welt. Inklusive Feierabendbierchen, wenn erwünscht.

Was das Betahaus für Hamburg leisten kann

Die Kreativszene in Hamburg steht seit etwa drei Jahren an einem Entscheidungspunkt: Entweder sie macht einen Riesensprung nach vorn oder sie wird langsam immer uninteressanter für Leute, die wirklich gut von ihrer kreativen Arbeit leben können möchten. Die Medienbranche ist keine sichere Auftrags- und Arbeitsbranche mehr, die Haut klebt an den Knochen bei diesem Skelett aus Medienhäusern und Co.

Die Untersuchungen zur Kreativwirtschaft haben gezeigt, dass die Kreativwirtschaft in Hamburg ein wichtiges Standbein der Medien-und Technologieszene ist und die Digitalwirtschaft eine der wenigen Branchen, die noch größeres Ausbau- und Wachstumspotenzial hat.

Die Kreativszene zu kennen (oder überhaupt wahrzunehmen) gilt als schick und so stehen Förderungsabsichten auch in dem ein oder anderen Bundestagswahl-Programm. Aber neben heißer Luft hat die Politik uns in den letzten beiden Jahren eigentlich nicht viel gegeben. Der Gründungszuschuss wurde eingekürzt und Wahnsinns-Ideen wie die Internetinsel von Benjamin Storm wurden zwar freundlich mit warmen Worten ummantelt, wir haben aber bis heute keinen „Hub“, der als Campus der Digitalszene gelten kann. Außer dem Betahaus. Und genau das wackelt jetzt.

Also: Zeit in die Hände zu spucken und den Standort selbst zu sichern. Ihr Googles und Facebooks, ihr XINGs, Qypes, Bigpoints, Innogames, Goodgames von Hamburg: Jetzt zeigt Berlin doch mal, dass es arm und unsexy ist und dass in Hamburg das Geld verdient wird. Greift euch den Think Tank/Nextmedia, die Kreativgesellschaft und Hamburg@Work, reißt euch zusammen, schließt euch zusammen und hängt euch bei einem neuen Digital Hub aus Betahaus und Internetinsel richtig mit rein. Es wird sich auszahlen.

Denn das Projekt kann euch Folgendes bringen:

•    Corporate Social Responsibility, gesellschaftliches Engagement für Hamburg mit positiver Strahlkraft
•    Transparenz und Verständnis, sodass auch nicht-digitale Hamburger Bürger verstehen, was am #Neuland so toll ist
•    Einen Ort, an dem man schnell, effizient und effektiv freie Ressourcen findet
•    Einen Club, der gemeinsame Werte bildet und pflegt und so einen Codex erlebbar macht
•    Kommunikation an Gatekeeper an einem zentralen Ort
•    Spielwiese um Beta-Features zu testen und lösungsrelevantes Feedback zu bekommen
•    Flagshipstore für die Branche und das eigene Unternehmen
•    Brutkasten für den digitalen Nachwuchs
•    Tempel für internationale Events
•    Fortbildungsmöglichkeiten für nicht-digitale Bürger, die in der Wissensschere zwischen dem Internet und Offline-Leben langsam abgehängt werden
•    Incentive für eure Festangestellten: Hier einen Tag die Woche arbeiten, statt im Home Office
•    Schnittstelle zu staatlichen und EU-Förderprogrammen
•    Einen Ankerplatz für den digitalen Mittelstand, eure Subunternehmer

Herrschaft ist anerkannte Macht, sagt Max Weber. Wenn ihr Local Heroes jetzt den Schritt wagt und euch zusammentut, auf einem Projekt, das euch allen nutzt, dann kann die Digitalwirtschaft in Hamburg das werden, was bis heute der Medienstandort Hamburg war. Image, Merkmal, Lebensstil von Hamburg. Lebensunterhalt für Hunderttausende. Und ein relevanter Wirtschaftsstandort im globalen Kontext.

Und – räusper -, wenn ich heute Hamburger Politikerin wäre, würde ich mir das Thema ja schnappen und mich mit dem Vorantreiben dieser Wirtschaftsmacht profilieren. Beste Kontakte zu Entscheidern in der Wirtschaft, positives Medien-Echo und jede Menge Fachwissen gibt’s dann nämlich kostenlos on top.

Jetzt sagt ihr vielleicht: Ja, Sarah, das ist ja ganz toll, aber wenn dir das Betahaus so wichtig ist, warum bist du denn dann selbst ausgezogen? Was im heutigen Betahaus fehlt, ist die Privatsphäre. Man kann nicht in Ruhe telefonieren. Und wir Freiberufler sind nun mal an Konzerne, Agenturen und Verlage angebunden, die auf diese Vertraulichkeit angewiesen sind. Am Freitag habe ich gehört, dass das Betahaus jetzt endlich eine „Telefonzelle“ eingebaut hat. Die werde ich demnächst mal testen und habe mir fest vorgenommen, wieder öfter vor Ort zu arbeiten und dort mein Miet-Budget auszugeben. Klar bleibt: Das Betahaus 2.0 muss sich weiterentwickeln. Ich persönlich werde weiter in mehreren Häfen eine Braut haben (also mehrere Arbeitsplätze). Aber ohne Betahaus geht es nicht.

Was das Betahaus braucht:

•    Privatsphäre
•    Zusatzdienstleistungen wie IT-/Buchhaltungs-/Coaching-Support, Assistenten on duty und Sekretariat on demand
•    Und das alles so bezahlbar und flexibel buchbar wie ein Car2go

In Zeiten von Stadtrad, Car2go und On-Demand-Fernsehen ist das Betahaus der flexible Schreibtisch für alle, die selbstbestimmt arbeiten wollen. Die Chance auf eine Konzentrations-Fläche. Einen Arbeitsort, der immer da ist, wenn du ihn brauchst.
Doch mit dem Blumenstrauß der Möglichkeiten kommt die Pflicht zum verantwortungsvollen Konsum. Wenn wir Freien das Betahaus weiter haben wollen, müssen wir es mitbezahlen. Fair Trade in Digitalien.

Also: Bitte buchen! Hier geht’s lang.

Management Summary: Was bringt das Betahaus/ Internetinsel für Hamburger Unternehmen?

•    Wissensknotenpunkt für digitales Wissen
•    Reservearmee an Freien für Wachstumsprojekte
•    Incentive und Motivation für Festangestellte
•    Showroom und Flagshipstore
•    Treffpunkt für digitale Szene

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9 Antworten zu "Warum Hamburg das Betahaus braucht"

  1. Danke Sarah für diese wunderbaren Zeilen. Das ist auf den Punkt gebracht warum Hamburg einen Ort wie das betahaus braucht. Auch wenn ich als Neuberliner nicht mehr so tatkräftig mit anpacken kann wie ich wollte, kann ich doch als langjähriger Coworker alle deine genannten Punkte unterschreiben.

    Sollte es so kommen, dass dieser so wichtige Ort jetzt dicht macht, es wäre ein echtes Armutszeugnis für alle von dir genannten Parteien die du zur Hilfe aufrufst. Bewegt euch, nehmt diesen Blogpost ernst. Es wird zunehmend schwerer den Mut zu halten in der Kreativwirtschaft der Hansestadt, wenn nur die Big Player überleben, kein Raum zum ausprobieren bleibt. Hamburg braucht das betahaus. Punkt.

  2. jmk sagt:

    too big to fail?
    Es gibt noch ca. ein Dutzend anderer Co-working spaces in Hamburg, diese Sonderstellung die dem Betahaus zugeschrieben wird, müsste sich der Laden erstmal verdienen und nicht per Dekret erhalten.

  3. @jmk Es gibt viele Bürogemeinschaften in Hamburg, und einige Coworking Spaces. Der Unterschied für mich ist, dass in letzteren gemeinschaftlich an Projekten gearbeitet wird. Nur ein paar, und dazu gehört das Betahaus, initieren aus der Zusammenarbeit eigene, neue Projekte, die nicht im Kundenauftrag ausgeführt werden. Projekte und Ideen, die nur wegen der besonderen Atmosphäre entstehen. Und das ist z.B. mehrfach im Betahaus passiert. Was nicht heißt, dass das nicht auch woanders so ist, aber die wenigen Stätten dieser Art brauchen wir ALLE in Hamburg.

  4. […] – nach dem fabulösen dritten Geburtstag – und dem Aufruf der Digital Media Women an die Hamburger Unternehmer und Kreativen, den Space in der Schanze zu erhalten, ist es nun an der […]

  5. […] 2.0 und kauft einen “Statt-Spende”-Button 3. Lest das Follow-up der Community: – #DMW mit Sarah Pust – Der Medienlotse Jan C. […]

  6. […] braucht Hamburg das Betahaus? Digital-Media-Women-Kollegin Sarah Pust hat bereits sehr gut aufgeschrieben, was für ein Armutszeugnis es für die Hamburger Digitalszene sowie die Stadt wäre, wenn sich […]

  7. […] lesenswerte Meinungen zum betahaus und dessen Zukunft finden sich bei den #DMWHH und Carolin […]

  8. […] Seit das Betahaus in Hamburg – der einzig größere Co-Working-Place in der Stadt – vor kurzem Insolvenz anmelden musste, fürchtet so mancher, dass die digitale Bohème Hamburg künftig den Rücken kehren wird, da die Hansestadt immer weiter gegenüber dem ewig gehypten Berlin zurückfällt. Ein ziemlich guter Appell, warum Hamburgs Kreativwirtschaft auf das Fortbestehen des Betahauses angewiesen ist, findet sich auf Digital Media Women unter “Warum Hamburg das Betahaus braucht“: […]

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