Offener Brief an Olaf Scholz

Sehr geehrter Herr Scholz,

meine Tochter und ich wurden heute Morgen auf dem Weg zur Schule von der Stadt Hamburg dazu genötigt, folgendes Motiv zu ertragen:

Ich bin eine Frau, ich arbeite und ich zahle Steuern. Natürlich begrüße ich es sehr, wenn die Stadt sparsam und umsichtig mit den Steuergeldern umgeht und altes Material recycelt. Allerdings warne ich ausdrücklich davor, veraltete und diskriminierende Traditionen wieder durch Nutzung falscher und eingeschränkter “Rollenbilder” in unseren Alltag und den unserer Kinder zu bringen.

Wir müssen endlich davon wegkommen, “Familienmanagement”-Tätigkeiten ausschließlich den Frauen zuzuordnen. Gehen wir nicht alle einkaufen? Können wir das nicht auch einfach zeigen? Sprache (auch Bildsprache) ist eine Waffe, welche die Wirklichkeit widerspiegelt und diese auch unmittelbar beeinflusst. Ihr Einsatz sollte also immer mit Bedacht gewählt sein.

Die Wiederholung dieser falschen “Rollenbilder” in unserem Alltag und Straßenbild prägt das Selbst- und Weltbild unserer Gesellschaft.

Sie als Bürgermeister dieser Stadt haben die Verantwortung dafür zu tragen, dass das kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft nicht dafür genutzt wird, um überholte Strukturen zu reproduzieren.

Ich freue mich auf Ihr öffentliches Feedback,

Sanja Stankovic

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6 Antworten zu "Offener Brief an Olaf Scholz"

  1. Carmen Fesenbeck sagt:

    Hallo, ich danke für diesen Brief, hätte quasi von mir sein können. Ich hatte die selben Gedanken im Kopf, als ich an anderer Stelle dieses “herkömmliche” neue Plakat gesehen habe. Gruß Carmen Fesenbeck

  2. Ruth Berkenkamp sagt:

    Liebe Kollegin,
    Deine inhaltlichen Argumente gegen das Plakat teile ich.
    Aber in dem Du als Adressaten Olaf Scholz wählst, nutzt Du selbst mindestens genauso alte Denkmuster und falsche “Rollenbilder”. Nämlich die einer noch feudalen, sehr patriacharlischen Denkweise. ‘König Olaf’ soll alles richten? Glaubst Du, er hat dieses Plakat entworfen oder auch nur genehmigt? Glaubst Du noch an Überväter? Schlimmer: Warum tradierst Du das Bild von Übervätern? (… die mit dem Zeigefinger oder Rohrstock den “Untergebenen” die Leviten lesen?)
    Herausgeber ist lesbar das Bezirksamt Hamburg-Nord. Warum beschwerst Du Dich nicht bei den für das Plakat Verantwortlichen? Sollte nicht “Jede/r” selbst für seine Handlungen (und in diesem Fall auch “Haltungen”) Verantwortung übernehmen?
    Also bitte vor “Offenen Briefen” etwas intensiver nachdenken!
    Ruth Berkenkamp

    • Liebe Frau Behrenkamp,

      Olaf Scholz als Adressaten habe ich aus einem einzigen Grund gewählt: Er ist derzeit der Bürgermeister dieser Stadt. Wäre eine Frau Bürgermeisterin, hätte ich an sie adressiert. Olaf Scholz ist kein König, sondern ein Mensch, der in seiner Position als “Bürgermeister” der Stadt dafür die finale Verantwortung trägt. Das hat nichts mit tradierten Bildern von Übervätern zu tun, sondern mit einem amtlichen Wahlergebnis.
      Leider hängt dieses Plakat nicht nur an Wochenmärkten die unter dem Bezirksamt-Hamburg Nord zugehörig sind, sondern in ganz Hamburg. Deshalb ist das Bezirksmat Hamburg-Nord m.E. nur ausführendes Organ.

      Viele Grüße,
      Sanja Stankovic

  3. Bernd Roloff sagt:

    Ich möchte mich auch als Mann hier beschweren. Ich plane keine Brustaugmentation, schwinge keine Bastkörbchen und trage keine Kleider.

  4. Ruth Berkenkamp sagt:

    Sehr gut, Herr Roloff, sehr gut!
    Ich begrüße es außerordentlich, dass Sie das neue Rollenbild so authentisch leben.

    Und Frau Stankovic, vielleicht sind Sie ja ein wenig aufgeregt, ich wäre Ihnen aber trotzdem dankbar, wenn Sie meinen Namen korrekt wahrnehmen würden.

    Beste Grüße
    Ruth Berkenkamp

  5. Manuela Dahlmann sagt:

    Sehr geehrte Frau Stankovic,

    ist das hier wirklich ihr ernst?
    Nutzen sie doch ihre Energie an effizienterer und weitaus wichtigerer Stelle.

    Treiben sie die Rolle der Frau dort voran, wo es sie wirklich benachteiligt und reiben sie sich nicht auf unsympathische- und gezwungen wirkende feministische Art und Weise auf.

    Ich unterstelle mal, der die Designer/In des Schildes hatte den Auftrag es herzlich und freundlich ausssehen zu lassen.
    Vielleicht war das sogar eine Frau, die dann das Motiv einer weiblichen Silhouette freundlicher fand.

    Nichts für ungut schwester und ein bisschen weniger verbissen kommt besser und erreicht mehr ;)

    Manuela

    P.S.: … Und die Meinungen der Kinder werden hoffentlich eher von den eltern geprägt, als von strassenschildern.

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