Interview zu Slow Media: „Es gibt mehr als Papier oder Pixel!“

Weniger ist mehr, Dialog ist alles, und eine hohe Qualität ist oberste Maxime – das sind nur einige Schlagworte, die sich aus dem Anfang 2010 veröffentlichten Slow Media Manifest herauslesen lassen. Gemeinsam mit Jörg Blumtritt und Benedikt Köhler veröffentlichte die Germanistin, Autorin und Forscherin Sabria David die Thesen, die sie für wegweisend für die Entwicklung der Medienbranche und vor allem des Journalismus erachten. Wir hatten auf dem Medienforum.NRW die Gelegenheit, mit Sabria über das Manifest zu sprechen. Im #dmwHH-Interview lässt sie anderthalb Jahre Mühen um die Medienzukunft Revue passieren und erklärt, was der Klickwahn mit einem saftigen Hamburger zu tun hat.

Wenn ich im Web unterwegs bin, erschrecke ich mich regelmäßig über mein eigenes Nutzungsverhalten: Ich folge dem Link aus einer Mail, sehe in meiner Leiste ein Bookmark, das ich noch lesen wollte, bekomme parallel eine Twitternachricht, die mich zu einem weiteren Link führt, der mich wiederum auf eine neue Seite leitet, und am Ende habe ich keine Ahnung mehr, was ich ursprünglich machen wollte. Kennst du das auch?
Das Hölzchen-Stöckchen-Prinzip kenne ich sehr gut, ja. Das hat zwei Seiten: einerseits diese totale Faszination und all die Möglichkeiten, die du gerade deshalb hast, weil du dich in diesem Strom ungerichteter Informationen treiben lassen kannst. Dadurch kommen ja unheimlich viele Dinge zu einem, die man bewusst gar nicht gesucht hätte. Das ist wahnsinnig konstruktiv. Aber natürlich raubt es Aufmerksamkeit. Es verlangt einen sehr mündigen Nutzer. Je mehr Möglichkeiten es gibt, umso mündiger muss der Nutzer sein.

Sabria David beim Medienforum.NRW (Foto: Ralph Sondermann)

Sabria David beim Medienforum.NRW (Foto: Ralph Sondermann)

War das auch einer der Grundgedanken, das Slow Media Manifest zu schreiben?
Einer der Grundgedanken war, dass man diese wahnsinnige Menge an Informationsmöglichkeiten hat und inzwischen auch in Echtzeit, und wir glauben, dass ein qualitativer Wechsel bevorsteht. Jetzt hat man das alles – jetzt muss man überlegen: Was macht man damit? Jetzt muss man überlegen, wie es sich möglichst konstruktiv in den Alltag einbauen lässt und nicht nur die vorhandenen Techniken um ihrer selbst willen nutzt, sondern überlegt: Was stellt man damit an? Der andere Grundgedanke war, ein medienübergreifendes Konzept zu entwickeln, über Medien nachzudenken. Also die Dinge nicht nur zwischen Digital und Print zu unterscheiden.

…sondern?
Genau! Die Thesen des Manifestes formulieren das: Gesprächsbereitschaft, Diskursivität, Inspiration, empfohlen werden, sozial sein, Nutzer ernst nehmen, nachhaltige Bindung aufbauen zum Leser und Nutzer.

Es ist jetzt gut anderthalb Jahre her, seit ihr das Manifest veröffentlicht habt. Ist inzwischen ein Bewusstsein für die von euch angeregten Dinge festzustellen?
Ich stelle schon fest, dass man die Dinge jetzt nicht mehr nur danach beurteilt, ob sie auf Papier oder auf Pixel sind. Aber ich zweifle da schon noch stark dran, es gibt noch immer diesen Frontenkampf. Es ist heute wichtiger denn je, dass man ein lagerübergreifendes Konzept entwickelt.

Was ist denn ein gutes Beispiel aus der Praxis, wie die Umsetzung von Slow-Media-Gedanken aussehen kann?
Im Printbereich ist da etwa das französische Journal „Vingt et un“ (zu deutsch: 21), deren Geschäftsmodell es ist, den Lesern ein hochqualitatives Magazin zu liefern. Die verstehen ihre Leser als ihre Kunden und wollen auch mit ihnen sprechen. Es gibt ein dazugehöriges Blog, wo die Redaktion versucht, ein Gespür für ihre Leser zu finden. „Vingt et un“ verzichtet ganz auf Anzeigen und sagt: Der Leser muss für dieses Heft 15 Euro ausgeben, das heißt, wir müssen ihm auch wirklich was liefern. Als das Heft gestartet ist, hielten das alle für ein völlig hanebüchenes Konzept im Zeitalter des Webs, wo alle es gewöhnt sind, Sachen umsonst zu bekommen. Das würde nie im Leben funktionieren, hieß es. Inzwischen haben die 50.000 Abonnenten, und ich finde es sehr gelungen.

Wenn man diesem Beispiel folgt, könnte man Slow Media also auch als eine mögliche Antwort auf die Frage nach der Zukunft von Print auffassen?
Ich denke ja. Der Journalismus ist zur Qualität verdammt. Denn der Fast-Food-Bereich des Journalismus wird immer mehr von Algorithmen abgedeckt. Damit zu konkurrieren, zum Beispiel durch Verbreitung derselben Agenturmeldungen, ist nicht die Zukunft. Man muss einen Kontrapunkt setzen, zeigen, dass man menschlichen Journalismus macht. Diese Entwicklung ist eine große Chance!

Wie haben die klassischen Printler auf das Slow-Media-Manifest reagiert?
Irritiert. Wir werden oft missverstanden, als würden wir nur das Medium Buch propagieren. So ist es natürlich nicht, aber das verdeutlicht unsere Lage zwischen den Fronten ganz gut: Die Onliner haben gedacht, wir wollen ihnen das Internet kaputt machen, und die Buchleute fanden es zunächst super, bis sie sich genauer damit befasst haben, was wir eigentlich fordern.

Der Begriff Slow Media und die Gedanken dahinter haben die Runde gemacht. Was tut ihr konkret, damit sich das nicht wieder ändert?
Das Thema ist in den letzten anderthalb Jahren in den Alltag gesackt. Es ist noch sehr präsent, wir bekommen internationale Backlinks. Wir schauen immer mal wieder auf Seiten voller asiatischer Schriftzeichen und sehen verwundert: Die sprechen über uns! Jetzt gehen wir immer mehr in Richtung Forschung, haben dafür auch ein Institut gegründet, denn wir halten es nach wie vor für notwendig, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Wie hat deine anhaltende Beschäftigung mit dem Thema Slow Media dein Mediennutzungsverhalten verändert?
Ich merke, dass ich von dem vordergründigen Thema slowe Haltung, Medien zu rezipieren und zu produzieren, immer mehr wegkomme und hin zu dahinterliegenden Strukturen. Der Wandel, der für die Medien ansteht, ist nur stellvertretend für einen ganz anderen Wandel. Slow Media oder auch Veränderungen beim Urheberrecht haben denselben Ursprung.

Du meinst den grundsätzlichen gesellschaftlichen Wandel.
Ja, ein sehr starker Wandel. Nicht nur einer, der bedeutet, irgendwas ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger, sondern ein sehr grundlegender.

Erwischst du dich trotz all der Beschäftigung mit dem Thema noch manchmal beim unbewussten Konsum und ärgerst dich?
Ach ja, um das mal zurückzubeziehen auf Slow Food: Man darf ja auch mal einen Hamburger essen. Man wird nicht zum besseren Menschen, weil man Slow-Mediavistin ist. Man muss nicht alles mit hundertprozentiger Aufmerksamkeit machen, da darf man auch ein bisschen nachsichtig mit sich selbst sein.

Ich glaube, es geht vielen ähnlich wie mir: Sie würden gerne bewusster Medien konsumieren, driften doch immer wieder in eine andere Richtung ab. Hast du Tipps für Slow-Media-Neulinge?
Um sich wieder zurückzuholen, wenn man merkt, dass man abdriftet? Zum Beispiel, indem man sich klar macht, dass man Verantwortung übernehmen muss für das, was man tut. Dass man also nicht nur entscheiden muss, was man konsumiert, sondern auch, was man nicht konsumiert. Etwa die bewusste Entscheidung, einen Link nicht zu klicken anstatt ihm automatisch zu folgen.

Das Schwierige ist: Letztlich muss ich selbst entscheiden, wann ich dem Strom folge und wann ich mich dem bewusst entziehe. Dabei kann mir niemand wirklich helfen.
Klar, man muss es schon selber machen. Letztes Jahr saßen wir auf einem Panel und jemand fragte: „Und wo ist das Tool?“ Also das Slow-Media-Tool. Und da sagte einer aus dem Publikum: „Der Aus-Knopf ist das Tool!“ Und das heißt natürlich: Du bist das Tool. Da kommt jetzt kein Medienwächter und erledigt das für dich, das lässt sich nicht delegieren.

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